Thomas Bernhards Roman “Holzfällen” gelesen von Thomas Holtzmann
2 comments
Thomas Bernhards bevorzugte Redeform war der Monolog. Viele seiner Romane sind Großmonologe, und die Theaterstücke werden vom monologischen Sprechen oftmals einer einzigen Figur beherrscht. Auch die künstlerische Abendgesellschaft in dem Skandalroman “Holzfällen. Eine Erregung” von 1984 wird aus der Perspektive eines Ich-Erzählers dargestellt, der sich in einen Ohrensessel zurückgezogen hat und aus dieser geschützten und fast unbemerkten Position den Leser an den Vorgängen und an der Vorgeschichte teilhaben lässt.
Wie so oft bei Bernhard ist die äußere Handlung ereignisarm und lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen: Das Wiener Ehepaar Auersberger hat Freunde und Bekannte zu einem “künstlerischen Abendessen” eingeladen. Obwohl der Ich-Erzähler die Auersbergers und ihr Umfeld verabscheut, hat er in einem unbesonnenen Moment die Einladung angenommen. Die Abendgesellschaft wartet auf einen bekannten Burgschauspieler, der nach einer Vorstellung von Henrik Ibsens “Wildente” im Hause Auerberger eintreffen soll. Die Ankunft des Schauspielers verzögert sich jedoch, zudem wird der Abend durch den Selbstmord einer gemeinsamen Freundin der Auersbergers und des Ich-Erzählers überschattet, die am Nachmittag beerdigt wurde. Als schließlich der Burgschauspieler zu vorgerückter Stunde erscheint, sind er, Gastgeber und Gäste betrunken, lediglich der Ich-Erzähler hat seinen stillen Beobachtungsposten im Ohrensessel nicht verlassen. Nach einem heftigen Gefühlsausbruch des Schauspielers (“Wald, Hochwald, Holzfällen, das ist es immer gewesen”) löst sich die Gesellschaft auf.
Der Inhalt ist nichts ohne die sprachliche Form, und fast könnte man sagen, dass die Sprache die Hauptdarstellerin bei Bernhard ist. In sich stets wiederholenden Motiven und Satzelementen kreisen die Gedanken des Erzählers immer wieder um den Hass, den er für die versammelte Gesellschaft empfindet. In schonungsloser Brutalität reflektiert er die prätentiösen Selbstdarstellungen der anwesenden Personen und entlarvt deren Lebenslügen. Zum Monolog gesellt sich als weiteres Stilmittel die verabsolutierte, keine Einschränkungen zulassende Hyperbel, die Bernhard zu seinem literarischen Markenzeichen entwickelt hat.
Auf den 321 Seiten des Romans gibt es keine Gliederung in Kapitel, geschweige denn in Textabsätze. Lediglich die wiederkehrenden stereotypen Formeln “dachte ich” oder “dachte ich auf dem Ohrensessel” rhythmisieren diesen riesigen Prosablock und erinnern den Leser an die Erzählsituation. Eine solche monologische, ja manische Prosa vorzutragen, ist selbst für einen erfahrenen Sprecher oder Schauspieler keine einfach zu lösende Aufgabe.
“Der Hörverlag” hat dieses Wagnis auf sich genommen und den über achtzigjährigen, bühnenerfahrenen Schauspieler Thomas Holtzmann mit diesem gewaltigen Leseprojekt betraut. Holtzmann gelingt es auf zauberhafte Weise, Bernhards gigantischen Monolog für den Hörer erlebbar zu machen. Die Klangfarbe von Holtzmanns Stimme verrät das Alter, aber dieses brüchige Timbre kommt Bernhards Prosa sehr entgegen; es wäre wahrscheinlich eine nicht zu ertragende Tortur, wenn dieser Text durchgängig in einem festen, deklamatorischen Ton vorgetragen würde. Aber auch die urkomischen Passagen des Romans, die sich den satirisch-sarkastischen Übertreibungen verdanken, werden von Holtzmann mit einem belustigten Lächeln auf den Lippen sprecherisch inszeniert. Alles in allem ist dieses Hörbuch eine beeindruckende Leistung eines – man darf es wohl sagen – betagten Schauspielers!
Das Hörbuch ist bei audible.de erhältlich.
- Thomas Bernhards Roman "Alte Meister" gelesen von Thomas Holtzmann | Stefan Schmalhaus
- Thomas Bernhards Erzählung "Wittgensteins Neffe" gelesen von Thomas Holtzmann | Stefan Schmalhaus
« Klein und nutzlos? – Die Miniaturkarabiner von Nite Ize Next Post
Schrille Töne: Tornado Slim Line »



