“Lenore fuhr ums Morgenrot” – Reiner Unglaub liest deutsche Balladen
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Viele Schüler glauben, dass Balladen erfunden wurden, um Deutschlehrern wirksame Folterinstrumente an die Hand zu geben. Wem das Lesen (vom Memorieren will ich gar nicht reden) unzähliger Strophen zu anstrengend ist, kann sich auch einfach zurücklehnen und hörend genießen.
Die Ballade lebt vom gesprochenen Vortrag, als literarische Gattung ist sie daher prädestiniert fürs Hörbuch. Es gibt inzwischen sehr viele Hörbücher mit deutschen Balladen, doch selten werden sie so exzellent vorgetragen wie in der Aufnahme aus dem Jahr 2004 mit dem Sprecher und Sprecherzieher Reiner Unglaub. Der vollständige Titel der Sammlung lautet “Lenore fuhr ums Morgenrot. Deutsche Balladen des 18. und 19. Jahrhunderts” und ist bei audible.de erhältlich.
Die knapp dreistündige Lesung umfasst folgende Balladen:
- Johann Heinrich Voss: Die Spinnerin
- Gottlieb Konrad Pfeffel: Die Aufklärung
- Gottfried August Bürger: Lenore, Des Pfarrers Tochter von Taubenhain, Die Schatzgräber, Das Lied vom braven Mann
- Johann Gottfried Herder: Edward
- Johann Wolfgang von Goethe: Heidenröslein, Der König in Thule, Das Veilchen, Hochzeitlied, Der Gott und die Bajadere, Der Zauberlehrling, Der Schatzgräber, Erlkönig, Der Fischer
- Friedrich von Schiller: Der Ring des Polykrates, Das verschleierte Bild zu Sais, Die Bürgschaft, Der Handschuh, Die Kraniche des Ibykus, Der Taucher
- Friedrich Hebbel: Der Heideknabe
- Clemens von Brentano: Die Lore Lay
- Ludwig Uhland: Graf Eberstein, Des Sängers Fluch
- Wilhelm Müller: Die dürre Linde
- Friedrich Rückert: Vom Büblein, das überall mitgenommen werden wollte
- August Graf von Platen: Luca Signorelli
- Gustav Schwab: Das Gewitter
- Annette von Droste-Hülshoff: Der Knabe im Moor
- August Kopisch: Die Heinzelmännchen
- Karl Simrock: Der Rattenfänger
- Eduard Mörike: Die Geister am Mummelsee, Schön Rohtraut, Der Feuerreiter
- Heinrich Heine: Die Weber, Die Grenadiere, Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Die Wallfahrt nach Kevlaar, Der Schelm von Bergen
- Conrad Ferdinand Meyer: Die Füße im Feuer
- Theodor Storm: Weihnachtsabend, In Bulemanns Haus
- Theodor Fontane: Die Brück am Tay, John Maynard, Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland
Die getroffene Auswahl enthält sicherlich all das, was man gemeinhin zum balladengeschichtlichen Kanon zählt. Gleichwohl lässt sich über einzelne Gedichte streiten. Voss’ Die Spinnerin hätte man nicht unbedingt aus der verdienten Vergessenheit ziehen müssen, und Pfeffels Die Aufklärung fällt doch eher in die Gattung des Lehrgedichts. Stattdessen hätte man vielleicht noch die eine oder andere Ballade von Eichendorff, Meyer oder Fontane hinzufügen können.
Reiner Unglaub ist von Geburt an blind und hat in der ehemaligen DDR Sprechwissenschaften, Germanistik und Theologie studiert. Trotz seiner Behinderung hat er sich in die erste Liga der deutschen Profisprecher emporgearbeitet. 2007 erhielt er den Deutschen Vorlesepreis in der Kategorie Profi-Vorleser, mit dem im Jahr zuvor Christian Brückner geehrt worden war. Unglaub trägt die Balladen mit warmer Stimme, aber ohne überflüssiges Pathos vor. In den dialogischen Passagen weiß er seine Stimme geschickt zu modulieren, um die verschiedenen Sprecher im Gedicht zu charakterisieren. Immer findet er die richtige Mischung aus Sprechgeschwindigkeit, Tonfall und Lautstärke, um die für Balladen so typischen Momente des Dramatischen, des Schaurigen oder auch der Rührung glaubhaft zu interpretieren.
Wer sein im Deutschunterricht erlittenes Balladentrauma überwinden möchte, hat hier die beste Gelegenheit dazu.
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