Thomas Bernhards Roman “Alte Meister” gelesen von Thomas Holtzmann

Posted by Stefan Schmalhaus 1 comments

Thomas Bernhard, Alte MeisterNachdem ich auf audible.de eine Rezension zu dem von Thomas Holtzmann gelesenen Bernhard-Roman “Holzfällen” veröffentlicht hatte, bedankte sich die Redaktion mit einem Hörbuch-Gutschein, den ich sogleich für einen weiteren Roman von Thomas Bernhard eingelöst habe: “Alte Meister”, erstmals erschienen 1985, gelesen ebenfalls von Thomas Holtzmann.

Thomas Holtzmann ist Jahrgang 1927, und es ist vielleicht kein Zufall, dass er zum Zeitpunkt der Aufnahme des Hörbuchs etwa genauso alt ist wie die Hauptfigur des Romans, der zweiundachtzigjährige Musikphilosoph Reger. Doch diese Koinzidenz ist ein Segen für dieses Hörbuch. Holtzmanns Stimme ist nicht nur durch die langjährige Erfahrung als Theaterschauspieler gereift, sie klingt auch – sofern dies akustischer Wahrnehmung zugänglich ist – altersweise. Und wie bei “Holzfällen” gelingt es dem Sprecher auf einzigartige Weise, Bernhards monoman-monologische Prosa in ihrer Musikalität erlebbar zu machen.

Worum geht es in “Alte Meister”? Der Musikkritiker Reger, der für die “Times” über das Wiener Musikleben berichtet, besucht seit sechsunddreißig Jahren regelmäßig den Bordone-Saal im Wiener Kunsthistorischen Museum, um den “Weißbärtigen Mann”, ein Gemälde von Tintoretto, zu studieren. In verschachtelten Perspektiven werden die so radikalen wie abenteuerlichen Reflexionen Regers wiedergegeben. Der mit Reger befreundete Schriftsteller Atzbacher ist so eine Spiegelfigur, der Museumsaufseher Irrsigler eine andere.

Thomas Bernhard, Alte Meister (Erstauflage von 1985)Reger ist durch die wiederholte Beschäftigung mit den größten künstlerischen Schöpfungen zu der schmerzlichen Erkenntnis gelangt, dass es kein vollkommenes Kunstwerk gibt. In der Tat ist der Roman “Alte Meister” eine polemische Reflexion über die Kunst in ihren verschiedenen Gattungen – und zugleich eine gnadenlose Abrechnung mit einigen großen Künstlern. Die berühmten Schimpf- und Hasstiraden gegen Stifter, Bruckner und Heidegger sind stilistische Kabinettstücke, humoreske Polemiken, die in ihren grandios ungerechten und deshalb so treffenden Übertreibungen unerreicht sind. Sie bilden innerhalb des an Übertreibungen nicht gerade armen Gesamtwerks von Thomas Bernhard einen einsamen Gipfel. Hier eine Kostprobe: “Stifter ist ein Kitschmeister, sagte Reger. Auf einer xbeliebigen Seite Stifter ist so viel Kitsch, dass mehrere Generationen von poesiedurstigen Nonnen und Krankenschwestern damit befriedigt werden können, sagte er. Und tatsächlich ist ja auch Bruckner nur sentimental und kitschig, nichts als ein stupides, monumentales orchestrales Ohrenschmalz. [...] Hat Stifter die hohe Literatur auf die unverschämteste Weise total verkitscht, so hat Heidegger, der Schwarzwaldphilosoph Heidegger, die Philosophie verkitscht, Heidegger und Stifter haben jeder für sich, auf seine Weise, die Philosophie und die Literatur heillos verkitscht.”

Aber nicht nur mit Musik, Literatur und Philosophie geht Reger ins Gericht, gleichermaßen geißelt er das Toilettenwesen und die Kaffeehäuser in Wien (“Die Toilettenfrage und die Tischdeckenfrage sind in Wien nicht gelöst”), echauffiert sich über den österreichischen Provinzialismus (“Ein chaotischer Mist ist dieses heutige Österreich, dieser lächerliche Kleinstaat”) und philosophiert über den Österreicher an sich (“Der Österreicher ist immer ein gescheiterter Mensch”). Das alles ist über weite Strecken hochkomisch – nicht umsonst trägt das Buch den Untertitel “Komödie” – , doch Reger ist ein Verzweifelter, ein Mensch, der am Leben und an der Kunst leidet. Sein Welthass wird noch verstärkt durch den Tod seiner Frau: “Immer habe ich geglaubt, die Musik ist es, die mir alles bedeutet, manchmal ja auch, die Philosophie ist es, die hohe und die höchste und die allerhöchste Schriftstellerei, wie überhaupt, dass es ganz einfach die Kunst ist, aber alles das, die ganze Kunst, wie auch immer, ist nichts gegen diesen einen einzigen geliebten Menschen.”

Der Roman endet mit einer typischen Bernhard-Pointe: Ein ungewöhnlich sanft gestimmter Reger schlägt dem Freund Atzbacher vor, in eine Burgtheater-Vorstellung von Kleists “Zerbrochenem Krug” zu gehen. Tatsächlich besuchen beide das Theater, und der letzte Satz des Romans lautet natürlich: “Die Vorstellung war entsetzlich.’”

Published August 14, 2010, filed in Literatur 1 comments
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